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Aktionsplan für soziale Bewegungen

Movement Action Plan

"Die entscheidende Aufgabe für die sozialen Bewegungen ist (...) der Kampf zwischen der Bewegung und den Herrschenden um die Herzen (die Sympathie), die Köpfe (die öffentliche Meinung) und die aktive Unterstützung durch die Mehrheit der Bevölkerung."

Bill Moyer

 

Movement Action Plan

Eine strategische Theorie für die Planung, Durchführung und Analyse sozialer Bewegungen

Der "Movement Action Plan", kurz "MAP", stammt von Bill Moyer, der seit 35 Jahren in sozialen Bewegungen in den USA tätig ist. Er ist eine Verbindung aus sozialpsychologischer und politischer Theorie und soll AktivistInnen zu langfristigem strategischen Denken anregen und sie vor allem dazu ermutigen, ihre Erfolge, die sie unweigerlich auf ihrem Weg hatten und haben werden, zu erkennen. Die beiden wichtigsten Konzepte des MAP sind die zeitliche Einteilung der Bewegung in acht Phasen, die bei erfolgreichen Bewegungen typischer Weise aufeinander folgen, und die Aufteilung der Beteiligten in vier Bewegungstypen, deren Zusammenspiel eine Bewegung erst erfolgreich macht. Im nebenstehenden Artikel haben wir die Bewegung gegen die Mercedes-Teststrecke im Papenburger Moor, an der wir selbst über zweieinhalb Jahre im AK Teststrecke mitgearbeitet haben, anhand des hier vorgestellten Konzeptes zu analysieren und aus unseren Fehlern zu lernen versucht. Aus Zeit- und Platzgründen ist der "Movement Action Plan" hier nur in seinen wesentlichen Punkten und nicht im Detail wiedergegeben, so daß einige Ansätze und Einteilungen hier weniger gut begründet und Klischeehafter erscheinen als sie es sind, und nicht alle Aspekte des MAP enthalten sind.

Grundannahmen

Viele AktivistInnen Glauben gleichzeitig an zwei gegensätzliche Machtmodelle: Machteliten und Macht von unten. Jede dieser Ansichten führt zu gegensätzlichen Strategien und Zielgruppen der Bewegung.

Das Modell der Machteliten besagt, daß die Gesellschaft hierarchisch organisiert ist. Die Machteliten stehen an der Spitze und die relativ machtlosen Massen befinden sich am Boden. Die Macht fließt von oben nach unten.

Da das Volk machtlos ist, kann sozialer Wandel nur dadurch erreicht werden, daß an die Herrschenden an der Spitze apelliert wird, ihre Politik durch die normalen Kanäle und Institutionen zu verändern. Das heißt durch Wahlverhalten, Beeinflussung des Parlaments und Inanspruchnahme der Gerichte. Zielgruppe sind die Herrschenden und die Mittel der Wahl die Überzeugung: entweder man überzeugt die jeweils Herrschenden, ihre Meinung zu ändern, oder man wählt sich neue Machthaber. Am wichtigsten sind hier die Großen Verbände.

Das Modell der Macht von unten beruht auf der Ansicht, daß letztendlich die Macht bei der Bevölkerung liegt. Selbst in Gesellschaften mit starken Machteliten sind diese von der Kooperation, der Billigung und Unterstützung der Gesamtbevölkerung abhängig. Dieses Modell läßt sich durch ein auf dem Kopf stehendes Dreieck darstellen. Das Volk ist hier oben und die Machteliten am Boden.

Macht von unten ist das Modell, das von sozialen Bewegungen benutzt wird. Die Strategie sozialer Bewegungen ist es, nicht nur die normalen Wege der Einflußnahme auf die Herrschenden zu gehen, sondern auch aufzurütteln, aufzuklären und eine unzufriedene, empörte und selbstbewußte Basisbewegung zu mobilisieren, die direkte gewaltfreie Aktionen neben den traditionellen parlamentarischen Mitteln und Einrichtungen nutzt.

Dabei muß jede soziale Bewegung ihre Forderungen immer wieder von allgemein anerkannten und weiter gefaßten Grundwerten, z. B. Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte, ableiten, um sie zu legitimieren und den Herrschenden die Legitimität zu nehmen.

 

Die vier Rollen der Aktiven

Bill Moyer schreibt den AktivistInnen sozialer Bewegungen vier verschiedene Rollen zu, was eine grobe Vereinfachung, in der "Realität" aber sehr gut anwendbar ist. Die Rollen sind die des/der BürgerIn, des/der ReformerIn, des/der RebellIn und des/der AktivistIn für einen gesellschaftlichen Wandel. JedeR an der Bewegung Beteiligte kann übrigens in verschiedenen Situationen verschiedene Rollen spielen, was sogar normal und wünschenswert ist. So kann jemand, der/die in Gorleben die Rolle des/der RebellIn einnimmt, da er/sie sich an Sitzblockaden und Schienendemontagen beteiligt, Zuhause die Rolle des/der BürgerIn übernehmen, da er/sie hier persönlich, z.B. durch den Beruf oder als NachbarIn, bekannt ist und die Bewegung vor dem Vorwurf, sie bestünde nur aus ChaotInnen, schützt.

Es reicht übrigens nicht aus, daß in einer Bewegung alle Rollen vertreten sind, sie müssen auch richtig "gespielt" werden. Jede Rolle gibt es in effektiver, für die Bewegung nützlicher, und in ineffektiver, für die Bewegung schädlicher, Ausführung. Der Einfachheit halber sind die vier rollen mit ihre jeweils zwei Varianten hier als Spiegelstrichliste aufgeführt.

-der/die effektive BürgerIn: Er/sie fördert positive demokratische Wertvorstellungen, Grundsätze und Symbole und ist als normaleR BürgerIn im Zentrum der Gesellschaft verwurzelt. Dadurch schafft er/sie bei der den anderen BürgerInnen Akzeptanz für die Bewegung und schützt sie vor dem Vorwurf nur aus ChaotInnen zu bestehen.

-der/die ineffektive BürgerIn: Er/sie glaubt der "offiziellen Politik" und erkennt nicht, daß die Herrschenden und Institutionen den besonderen Interessen einer Elite dienen, zu Lasten der Allgemeinheit und weniger mächtiger Minderheiten.

-der/die effektive ReformerIn: Er/sie benutzt die Möglichkeiten des offiziellen Systems, wie Gerichte, Parlamente, Lobbyarbeit und offizielle Kundgebungen. Dadurch werden die Inhalte der Bewegung in die Institutionen und das konventionelle Denken getragen und Ihre Erfolge Umgesetzt und Abgesichert, z.B. als neue Gesetze.

-der/die ineffektive ReformerIn: Er/sie betreibt "Realpolitik", identifiziert sich eher mit den Herrschenden als mit der Bewegungsbasis und setzt die Interessen seiner/ihrer Organisation, z.B. der Grünen oder der großen Umweltverbände, über die Ziele der Bewegung. Die langfristigen Ziele der Bewegung, vor allem eine Veränderung des gesellschaftlichen Grundkonsenses, fördert er/sie nicht.

-der/die effektive AktivistIn für einen gesellschaftlichen Wandel: Er/sie zielt auf Bewußtseinsbildung und Änderung des Grundkonsenses bei der Mehrheit der Bevölkerung ab, unterstützt breite Basisorganisationen und die Befähigung der Basis zu eigenem Handeln, schafft dauerhafte Organisationen und fördert die Entwicklung langfristiger Strategien.

-der/die ineffektive AktivistIn für einen gesellschaftlichen Wandel: Er/sie ist zu utopisch oder hat einen Tunnelblick, d.h. nur die eigene Teilbewegung wird gesehen, fördert patriarchale Organisationsformen und ignoriert die persönlichen Probleme und Bedürfnisse der Aktiven.

-der/die effektive RebellIn: Er/sie hat den Mut laut und deutlich "Nein!" zu sagen. Seine/Ihre Aktionen richten sich direkt gegen die Herrschenden, schließen gewaltfreie Gesetzesübertretungen mit ein, sind aufregend und riskant und heben so das Problem ins öffentliche Rampenlicht.

-der/die ineffektive RebellIn: Er/sie ist gegen Organisation, Regel und Struktur, hat das Selbstbild der einsamen, militanten, radikalen Stimme am Rande der Gesellschaft. Ihm/ihr ist jedes Mittel recht. Er/sie hat keine realistische Strategie, ist isoliert von der breiten Basis, hat eine Opferhaltung, zornig, aggressiv und richtend, und beansprucht die absolute Wahrheit ohne Rücksicht auf die Bewegung zu nehmen.

Eine erfolgreiche Bewegung muß nach Bill Moyer alle vier Rollen in der effektiven Form enthalten, während die ineffektiven Formen ihr schaden. Aber die Wichtigkeit der einzelnen Bewegungstypen ist in den verschiedenen Phasen der Bewegung unterschiedlich verteilt.

 

Die acht Phasen des Bewegungszyklus

Nach dem "Movement Action Plan" durchlaufen erfolgreiche soziale Bewegungen acht Stufen, in denen die Aufgaben der Bewegung jeweils unterschiedlich sind, da die Gesamtsituation jeweils eine andere ist, so daß auch verschiedene Bewegungsrollen besonders wichtig sind.

In der ersten Phase der Bewegung, den Normalen Zeiten, existiert ein kritisches gesellschaftliches Problem, das aber von der Gesellschaft nicht wahrgenommen wird. Es gibt nur eine kleine Opposition, deren Aufgabe es ist, nachzuweisen und öffentlich zu machen, daß das Problem überhaupt existiert. Hier sind die ReformerInnen und die RebellInnen gefragt, da die Arbeit zäh (viel inhaltliche Kleinarbeit) ist und fast die gesamten Bevölkerung aus Unwissenheit auf Seiten der Herrschenden ist. BürgerInnen gehören zu diesem Zeitpunkt kaum zur Bewegung.

In der zweiten Phase geht es um das Nachweisen des Versagens der Institutionen. Das heißt die Einflußnahmemöglichkeiten des Systems werden genutzt, um nachzuweisen, daß das System versagt. Vor allem die effektiven ReformerInnen sind hier wichtig, und die BürgerInnen werden mehr. Ohne effektive RebellInnen besteht jedoch die Gefahr, daß die ReformerInnen sich in die Institutionen verrennen.

Ist das Versagen der Institutionen nachgewiesen, kommt es zur dritten Phase, dem Reifen der Bedingungen. Die Bewegung ist schon deutlich sichtbar, aber trotzdem noch relativ klein.

Durch ein "Auslösendes Ereignis", bei der deutschen Anti-AKW-Bewegung war das Whyl, kommt es nun zum Start der Bewegung, der vierten Phase. Dies ist die Hochzeit der Bewegung. Überall gibt es neue Aktionsgruppen und Aktionen. Es ist die Zeit der RebellInnen und der Spektakulären Aktionen. Die Reformer sind hier am unwichtigsten.

Dieser Hochzeit folgt normalerweise als fünfte Phase das Empfinden von Versagen bei den Aktiven der Bewegung. Die hatten nämlich während der relativ kurzen Startphase, bei bundesweiten Bewegungen ca. zwei Jahre, geglaubt die Herrschenden in direkter Konfrontation stoppen zu können, was aber normalerweise nicht gelingt. Interessanter Weise läuft diese Phase meistens parallel mit der sechsten Phase, dem Gewinnen der Mehrheit der Bevölkerung. Denn die Bewegung hat nicht versagt. Sie hat das Problem zwar nicht direkt beseitigen können, das hätten die Herrschenden auch nicht zulassen können, aber sie hat die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich gebracht.

Daher hat die Bewegung gute Chancen, die siebte Phase, den Erfolg der Bewegung, zu erreichen, wenn sie nicht aufgibt.

Denn es gibt jetzt zwar weniger Aktive als beim Start der Bewegung, aber sie sind sehr mächtig, da sie die Bevölkerung hinter sich haben und bei einem neuen "Auslösenden Ereignis" jederzeit wieder zur Massenbewegung werden können, z.B. beim Golfkrieg oder beim Castor-Transport nach Gorleben. Hier sind die BürgerInnen, da sie die Masse ausmachen, und die ReformerInnen, zur Umsetzung des Erfolgs, besonders wichtig.

Als achte und letzte Phase kommt das Weitermachen mit neuen Zielen. Das klingt wie ein Kreislauf, ist aber eher eine Spirale, denn die Aktiven stehen zwar wieder am Anfang, bauen aber auf den Erfolgen der alten Bewegung auf.

Das ganze sollte nicht so mißverstanden werden, daß jede Bewegung so ablaufen muß oder es eine Erfolgsgarantie ist. Aber alle von Bill Moyer untersuchten Bewegungen, die Erfolg hatten, haben diese Stadien durchlaufen. Bewegungen umfassen auch immer mehrere Unterziele, die sich in verschiedenen Phasen befinden.

 

Abschluß

Die häufigsten und größten Fehler, die die in sozialen Bewegungen Aktiven laut Bill Moyer übrigens machen, sind nicht strategisch zu handeln, keinen langen Atem zu haben, mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung des eigenen Mißerfolgs zu arbeiten und zu vergessen, daß sie Menschen überzeugen müssen.

Andreas Speck und Michael Friedrich

 

Weiteres zum "Movement Action Plan"

  • GWR 131, S.3, GWR 160 S.1 u. 5 und GWR 174, S. 13.

  • Das Konzept der acht Phasen ist unter dem Titel "Aktionsplan für soziale Bewegungen" bei Weber, Zucht & Co. als Buch erschienen.

  • Das Konzept der vier Rollen ist nicht auf deutsch erhältlich.

  • Empfohlen sei auch das Seminar "Anleitung zum Mächtigsein" beim Bildungswerk Umbruch.

Erschienen in Graswurzelrevolution Nr. 198, Mai 1995

Die Anti-Castor-Bewegung im Lichte des Movement Action Plan

Silke Kreusel/Andreas Speck

Spätestens seit dem Sommer 1994, als der Alarm „der Castor kommt“ im Wendland eine Vielzahl von Aktivitäten bis zu einem zweiwöchigen Hüttendorf entstehen ließ, war klar, daß die Anti-Atom-Bewegung, zuvor scheinbar im Tiefschlaf versunken, wieder zum Leben erwacht war. Doch die Bewegung gegen Castor-Transporte ist nicht aus dem Nichts entstanden. Schließlich war es schon der fünfte Castor-Alarm, der im Sommer 1994 zum nicht mehr: übersehbaren Start der Bewegung führte.

Ein Movement Action Plan für die Türkei

Dokumentation

Die folgenden Seiten werten das Seminar "Ein Movement Action Plan für die Türkei" aus. Es fand vom 04.04. - 08.04. 1998 in Sigacik nahe Izmir statt und war das erste dieser Art in der Türkei. Weitere Exemplare der Dokumentation können bei Patchwork angefordert werden.

Teststrecke Papenburg: Von der Unmöglichkeit, eine Bewegung zu erzwingen

Im Januar diesen Jahres wurde das Hüttendorf gegen die Mercedes-Teststrecke im Papenburger Moor nach einer geplanten Provokation von Seiten des Hüttendorfes von der Polizei geräumt. Diese Räumung und der damit verbundene Baubeginn wird von uns zum Anlaß genommen, eine Bilanz des Widerstandes aus gewaltfrei-anarchistischer Sicht zu versuchen und Gründe, die in der Struktur und Strategie (so es denn eine gab) der TeststreckengegnerInnen lagen, zu analysieren.

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