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Organisieren für gesellschaftlichen Wandel

Ein kleines Handbuch des Organizing (auf spanisch)

Dieses Buch basiert auf meinen mehr als 30 Jahren als Aktiver und Organisator in sozialen Bewegungen, hauptsächlich in Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland, (wo ich geboren wurde und aufwuchs), Großbritannien (wo ich zwölf Jahre lang lebte) und Spanien (wo ich derzeit lebe). Doch es wäre anmaßend zu behaupten, dass alles, was in diesem Buch zu finden ist, von mir entwickelt oder „entdeckt“ wurde. Weit davon entfernt. Dieses Buch ist ein Versuch, meine Erfahrungen zu nutzen um die Theorien und Modelle sozialer Bewegungen, die mir sinnvoll und nützlich erscheinen, zu ordnen und zu systematisieren.

Im Juni 2014 hatte ich bei einem Seminar in Boston eine Diskussion mit Rev. James Lawson, einem der großen Strategen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Wir diskutierten über die Friedensbewegung in der westlichen Welt, die er als eine gescheiterte Bewegung ansieht. Wir sprachen über die direkten gewaltfreien Aktionen, die wir in Europa organisieren, und dann fragte er mich: „Also, ihr macht also Aktionen um Zeugnis abzulegen, aber habt keinen realen Einfluss?“ Sein Kommentar traf mich, und ich denke, dass wir uns häufig mit diesen Aktionen des Zeugnis Ablegens begnügen, ohne jegliche Vision und einer Strategie wie wird wirklich unsere Macht entwickeln könnten um reale gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. Und das ist es, was mich interessiert: wie können wir uns organisieren, um realen und grundlegenden sozialen Wandel zu erreichen?

Timur Kuran schreibt in seinem Artikel zum “revolutionären Schwellenwert”: „Wo eine kleine pressure group dabei scheitert, einen revolutionären Karren in Bewegung zu bringen, eine etwas besser organisierte oder etwas größere könnte Erfolg haben.“ Und das ist es, woran ich interessiert bin: dieses etwas besser organisiert, so dass wir andere Ergebnisse erzielen, oder besser: einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel.

Aber Organizing? Was ist denn das, und wozu ist es gut? Tatsächlich machen wir alle mehr organizing als wir denken. Organizing – der Prozess etwas zu organisieren, oder, in unserem Fall, Menschen zu organisieren so dass sie aktiv werden – ist in sozialen Bewegung etwas grundlegendes, und dabei spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob es sich um eine Nachbarschaftsinitiative, die antimilitaristische Bewegung oder die Bewegung der Indignados (15M) im spanischen Staat handelt.

Doch eigentlich beinhaltet jeglicher Verein oder jegliche Gruppe – formal oder informal – Aspekte des Organisieren, und daher haben wir auch fast alle ein wenig Erfahrung mit Organisieren.

Als politisches Konzept bedeutet „organizing“ – oder community organizing – die Schaffung von Gruppen und Organisationen, die für gesellschaftliche Veränderungen kämpfen, ein kollektiver Kampf gegen diejenigen, die in unseren Gesellschaften Macht haben: Regierungen auf nationaler, regionaler, oder lokaler (oder internationaler) Ebene, mächtige Unternehmen von multinationalen Konzernen bis hin zu mächtigen lokalen Unternehmen.

So gut wie alle fortschrittlichen gesellschaftlichen Veränderungen in unserer Welt sind das Ergebnis von Prozessen des Organizing, eines kollektiven Kampfes mittels Kampagnen und sozialer Bewegungen. Einige Beispiele:

  • Auch wenn die dreitägigen Ausschreitungen von Stonewall in New York – der Aufstand von Transsexuellen, Queers, schwulen und transsexuellen Sex-ArbeiterInnen, und Lesben gegen eine routinemäßige Razzia der schwulen Bar „The Stonewall Inn“ – spontan waren, die danach folgenden Erfolge der SchwulenLesbenbewegung von der Dekriminalisierung der Homosexualität bis hin zu gleichgeschlechtlichen Ehen waren das Ergebnis von Organizing, einer Kombination des Empowerment von Schwulen, Lesben, Trans und Queers mit Strategien für kollektive Aktionen.
  • Die Revolutionen des arabischen Frühlings – von Tunesien bis Ägypten – erschienen spontan. Doch in Wirklichkeit haben viele Menschen jahrelang daran gearbeitet ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, dass den arabischen Frühling ermöglichte, mit sehr unterschiedlichen Resultaten in den verschiedenen Ländern der arabischen Welt. Ein wichtiger Faktor war wie so oft die Überwindung von Angst mittels Prozessen des gesellschaftlichen Empowerments.
  • Im spanischen Staat war die Bewegung der insumisión, der totalen Verweigerung des Wehrdienstes und zivilen Ersatzdienstes, ein wichtiger Faktor bei der Abschaffung der Wehrpflicht. Die Bewegung ist ein beeindruckendes Beispiel der Kombination von Strategie und Prozessen des gesellschaftlichen Empowerments.

Es wird daraus deutlich, das auch im spanischen Staat Organizing eigentlich nichts Neues ist. Trotzdem gibt es nur wenige Handbücher auf spanisch, die neue Prozesse des Organizing unterstützen könnten. Der interessante Aspekt des Konzeptes Organizing ist seine Perspektive: die Kombinatien von Strategien der Konfrontation derjenigen, die Macht ausüben, mit einem Verständnis von Prozessen des Empowerment und dem Aufbau von Basisorganisationen. Si Khan, ein Organizer aus den Vereinigten Staaten (woher das Konzept stammt) schreibt:

“Beim Organizing fangen wir an unsere Bedürfnisse erneut zu entdecken und zu fordern, dass sie erfüllt werden. Dabei entdecken wir unsere Stärken wieder, unsere Wurzeln, unser Erbe. Wir erlernen erneut die Fähigkeiten der Kooperation, der kollektiven Aktion, des zusammen Arbeitens, der gegenseitigen Unterstützung. In diesem Wissen und in der Erfahrung liegt der Anfang der eigentlichen Macht der Menschen.”
“Organizing ist für Menschen mit Problemen. Es ist gut als Werkzeug, als Waffe, als Mittel. Doch es ist auch selbst ein Ziel. Während wir organisieren, werden wir uns erneut über uns selbst als Individuen klar, denn wir lernen für uns selbst auf eine Art und Weise zu sprechen, die gehört wird.”

Organizing bedeutet nicht die Organisation der Massen unter der Führung einer politischen Partei oder einer charismatischen Führungspersönlichkeit (in ihrer großen Mehrheit Männer), sondern bedeutet die Kapazität von Basisorganisationen und sozialen Bewegungen der Macht von Regierungen und machtvollen Unternehmen etwas entgegen zu setzen. Dabei ist es wichtig, dass die Macht, die wir mittels Prozessen des Organizing schaffen wollen, nicht erneut Macht-über darstellt – die Macht der Dominanz und Herrschaft – sondern dass es sich dabei um eine andere Macht handelt, die wir als innere Macht jeder Person, Macht-mit anderen Menschen in unseren Gruppen und kollektiven Aktionen, und Macht-in-Relation-zu unserer Fähigkeit, unser Leben und die Gesellschaft, in der wir leben, zu gestalten.

Dieses kleine Handbuch des Organizing ist für jede Person, die sich in Initiativen, Kampagnen und sozialen Bewegungen engagiert. Organizing ist nicht für ExpertInnen – wir sind alle Organizer. Damit wir alle etwas effizientere Organizer sind stellt dieses Buch einige hilfreiche Werkzeuge und Konzepte bereit.

Unterstütze die Entwicklung des „Kleinen Handbuchs des 'Organizing'“

Um meine Energie auf die Arbeit an diesem Handbuch konzentrieren zu können, brauche ich ökonomische Unterstützung. Jeglicher Betrag hilft, und wenn Du willst kann ich gerne die Namen der Personen, die meine Arbeit unterstützt haben, in der endgültigen Version des Handbuchs veröffentlichen.

Derzeit ist das Handbuch „in der Arbeit“, und ich habe folgende Arbeitsschritte geplant (siehe auch die Inhaltsübersicht weiter unten):
 
- Version 0.4 (Spanisch): Grobentwurf des Konzeptes der Organizer-Spirale fertig
- Version 0.5 (Spanisch): Grobentwurf des Aktionsplans für soziale Bewegungen fertig
- Version 0.6 (Spanisch): Grobentwurf zu Macht und empowered organisations fertig
- Version 0.7 (Spanisch): Grobentwurf zu empowering organisations fertig
- Version 0.8: Grobentwurf zu Beispielen erfolgreicher sozialer Bewegungen fertig
- Version 0.9: Grobentwurf zu Werkzeugen fertig
- Version 0.10: Entwurf des kompletten Textes
- Version 1.0-beta: revidierter Text

Der Plan sieht vor, bis zum Ende des Jahres 2015 die Version 1.0-beta zu erreichen. Ich will das Handbuch als Buch und als PDF veröffentlichen und eine Webseite entwickeln.

Danke für die Unterstützung!

Inhaltsübersicht

1. Einleitung
2. Soziale Bewegungen

  • Beispiele erfolgreicher sozialer Bewegungen
  • Der Aktionsplan für soziale Bewegungen (MAP)
  • Die fünf ursächlichen Mechanismen gesellschaftlichen Wandels
  • Konsequenzen für unser Handeln

3. “Organizing”

  • Die Prinzipien des Organizing
  • Macht (basierend auf meinem Artikel für die zweite Ausgabe des WRI-Handbuchs für gewaltfreie Kampagnen)
  • Gesellschaftliches Empowerment
  • Schlussfolgerungen: die übergeordnete Strategie des Organizing ist gesellschaftliches Empowerment, die Entwicklung von Macht an der Basis für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung

4. Empowering organisations: Wie organisieren wir uns für unseren Aktivismus?

5. Empowered organisations: Wie planen wir für den Aufbau und Einsatz unserer Macht?
5.1 Die sieben Aspekte der Organizer-Spirale

  • Die TeilnehmerInnen
  • Die Philosophie der Gruppe
  • Struktur und Prozess
  • Problem und Lösung&tt;/li>
  • Die sozialen Umwelten
  • Kommunikation
  • Ressourcen

5.2 Die sieben Schritte der Organizer-Spirale

  • Der Anfang
  • Die Analyse
  • Ziele
  • Strategien
  • Aktionsplanung
  • Aktion!
  • Evaluation

6. Werkzeuge

7. Organisieren wir uns! (Schlussbemerkungen)
8. Ressourcen und Materialien

  • Ressourcen und Materialien im Internet
  • Bibliographie

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